Copyright Detlef Wulff 2009-2017
Eine Polizei demokratisert sich selbst

Diskussionskommando Berlin

Eskalation, Spirale der Gewalt

Die blutigen Auseinandersetzungen aus Anlass des Schah-Besuches am 2. Juni 1967 waren eine neue Erfahrung und ein Schlüsselerlebnis für West-Berlin. Gewalt- tätigkeiten in diesem Ausmaß und offene Rebellion gegen polizeiliche Anordnungen hatte es bis dahin in dieser Stadt nicht gegeben. Hinzu kam der tragische Tod des Studenten Benno Ohnesorg in einem In- nenhof in der Krumme Straße, gegenüber der Deutschen Oper. Diese Ereignisse sind Tage danach noch heftig unter uns disku- tiert worden. Die an diesem Tag erlebte Gewalt, von den Randalierern und von der Polizei, lösten jedoch keine Bestürzung aus. Ergebnis war lediglich die lapidare Erkenntnis, zukünftig auf unberechenbare und plötzliche Gewalt aus Demon- strationen heraus besser vorbereitet zu sein. Wir machten uns keine Gedanken über den Einsatz staatlicher Gewalt, denn Polizeigewalt sollte und durfte immer nur reagierend sein auf das Verhalten des Gegenübers, offiziell Störer genannt. Über deren Ausmass oder Vermeidung im Vorfeld, dachten wir bei der Bereit- schaftspolizei Berlin nicht nach. Daß die überstrapazierten und wohl auch über- bewerteten "Jubelperser" vor dem Rathaus Schöneberg jede Rechtsstaatlichkeit ungehindert mißachten durften und sich zumindest ein Schutzpolizist daran aktiv beteiligte, löste bei uns allerdings Empörung aus. Das widersprach allen gesetzlichen Vorgaben, die wir in der Polizeiausbildung bis dahin gelernt hatten. Theorie und Praxis stimmten nun nicht mehr überein. Ein Anlass zum Umdenken war dieser Tag auch in der Bevölkerung nicht. Der viel zitierte "Mann auf der Straße" verstand diese "langhaarigen Penner", die lieber arbeiten gehen sollten, sowieso nicht. Die Lokalpresse und die Reden der Politiker verstärkten die Polarisierung und die beidseitig steigende Gewaltbereit- schaft.

68er Revolte

Deutsche Oper denkmal 2. juni
In der Folgezeit gab es kaum eine Demo, die ge- waltfrei ablief. Es war meist keine spontane Ge- walt, sondern schon im Vorfeld in Versammlungen geplante und auf Flyern propagierte Aktion. Mit der "Schlacht am Tegeler Weg" und den "Oster- Unruhen" war der Höhepunkt erreicht. Nach dem Höhepunkt „Tegeler Weg“ kamen viele zur Besin- nung. Die Gewaltdiskussion setzte sowohl bei der APO, als auch bei der Polizei ein. Die APO löste sich auf, da keine gemeinsame revolutionäre Rich- tung gefunden wurde. Es bildeten sich Splitter- gruppen, wie die KPD-ML, die aber alle in der Be- deutungslosigkeit versanken. Die Gewalt jedoch ging weiter: Brandsätze in Kaufhäuser, Steine und Stahlkugeln gegen Poli- zisten, Wasserwerfer, Reiterstaffel und Schlag- stock gegen Demonstranten. Der neue Polizei- präsident Klaus Hübner (1969) fand im Gedan- kenaustausch mit einem Psychologen von der Freien Universität, Siegfried Schubenz, und eini- gen reformbereiten Männern in der Polizeiführung, einen Weg aus der Eskalation der Gewalt. Die "Gruppe 47", offiziell "Diskussionskommando", wurde gegründet. Sie wurde zur Legende, die heute kaum noch jemand kennt. Selbst Mitglieder der "Konflikt Teams" der Berliner Polizei haben davon noch nie gehört. Traurig, aber wahr.  Freiwillige aus den verschiedensten Dienststellen beschäftigten sich nun mit dem Gedankengut der Gegenseite. Statt Unverständnis kam nun das "Verstehen-Wollen“ und „Mit-Ihnen-Reden-Wollen“ des Diskussionskommandos.