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Diskussionskommando Berlin

5o Jahre und kein bißchen weise!  
In diesem Jahr hat Berlin ein trauriges Jubiläum: Den Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in der Krumme Straße in Charlottenburg. Es gibt bisher schon zahlreiche Veröffentlich- ungen und Dokumentationen zu diesem Thema, im Jubiläumsjahr werden einige hinzukommen. Bei den TV-Sendern sind schon drei Projekte in Arbeit. Alle Veröffentlichungen, die ich gelesen habe, schreiben im Prin- zip dasselbe. Sie bestätigen sich immer nur gegenseitig, stellen dieselben Fragen an wirkliche und vorgebliche Augenzeugen. So bleibt es nicht aus, dass alle Autoren zu denselben Schlußfolge- rungen kommen. Der eine hat ein wenig mehr Zweifel, der ande- re entsprechend weniger. In einem bereits stattgefundenen In- terview mit einem TV-Team wurden mir wieder die bekannten Fragen nach dem Corps-Geist innerhalb der damaligen Polizei gestellt und nach der unglückseligen “Leberwurst-Taktik” des Polizeipräsidenten Duensig. Es ist also zu befürchten, dass in diesem Jahr endgültig eine falsche Legende zementiert wird, die kaum mehr zu revidieren sein wird. Die Ereignisse des 2. Juni aus Anlass des Staatsbesuches des Schah von Persien hatten gravierende Folgen für die Bundesrepublik Deutschland. Sie waren sicher nicht der alleinige Grund für die Akzeptanz der Gewalt bei den Demonstrationen in den folgenden Jahren. Sie haben aber ganz sicher Vielen die Entscheidung erleichtert und das schlechte Gewissen beruhigt, als die Folgen der Radikaliserung sichtbar wurden. Für die Gründung der RAF mit Ulrieke Meinhoff war der Schuss in der Krumme Straße ein willkommenes Alibi, eine billige Rechtfertigung.     
Viele Fragen sind bis heute offen und werden nicht beachtet. Die Rolle von Erich Duensing wird permanent sachlich falsch dargestellt. Nieman- dem fiel auf, dass seine geplante Einsatzkonzeption nicht angewendet wurde. “In die Mitte reinpieken und nach beiden Seiten ausdrücken” war an dieser Örtlichkeit das mildere Mittel zur Räumung. Die Demon- stranten wären nach links und rechts in die Bismarckstraße abgedrängt worden, wo sie viel Platz in der Breite und in der Tiefe gehabt hätten. Der überharte und ungerechtfertigte Schlagstockeinsatz bei der tat- sächlichen Räumung war die zwangsweise Folge eines frontalen Ein- satzes der Polizei gegen die Protestler. Anstelle eines ausreichenden Rückzugsraumes gab es den verengenden Schlauch der Krumme Straße und die Behinderung durch Plakatwände. Die Frage ist, wer hat den Befehl von Duensing mißachtet und die ge- samte Einsatzplanung verworfen? Wer hatte ein Interesse daran, dem amtierenden Polizeipräsidenten zu schaden? Wer wollte die direkte Konfrontation und Eskalation vor der Deutschen Oper? Es war an diesem Tag der zweite Fall von Befehlsverweigerung. Am Rathaus Schöneberg befahl Duensing die “Jubelperser” nach hinten zu stellen und von Poli- zisten abschotten zu lassen. Auch dieser Befehl wurde nicht ausgeführt und es kam zu den bekannten Gewaltaktionen. Gewalt an diesem 2. Juni 1967, bis zum Tod von Benno Ohnesorg, be- wußt herbeigeführt? Das soll keine Verschwörungstheorie werden, aber eine Aufforderung die alten Sichtweisen und Denkmuster über Bord zu werfen. Der traurige Anlass in diesem Jahr bietet die Gelegenheit dafür Kommentare, Anregungen oder Gedanken bitte VIA E-Mail an webmaster@diskussionskommando-berlin.de